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erster Tag 2012Sonntag, 1. Januar 2012
Der erste Tag des neuen Jahres ist grau, össelig, warm wie im Frühling, nass. Aber: Die Geister sind vertrieben, wie man an dem Bild aus dem Graham-Park sieht. Hoffentlich sind sie auch wirklich vertrieben. Ein Jahr ohne Sorgen wäre mal was.
In diesem Sinne: Ein schönes neues Jahr allerseits! 4. FotofestivalSamstag, 8. Oktober 2011
Zur Zeit läuft das 4. Fotofestival der Rhein-Neckar-Region. Sogar in der National Geographic steht ein Hinweis dazu. Deren Beschreibung finde ich auch die Beste:
Zeigen wollen die Fotografien, was uns im heutigen Zeitalter beeinflusst. Ein anderer Schwerpunkt des Festivals liegt darin, die Realität durch die Aufnahmen zu hinterfragen und Gefühle hervorzurufen. Außerdem soll der Betrachter Antworten finden auf: „ Wie lauten einige der wichtigsten Fragen und Herausforderungen, denen die Menschheit heute gegenübersteht und wie werden sie dargestellt?“ Das Fotofestival macht eine „Reise in das Reich des Menschen“. Diese Beschreibung sagt doch viel mehr aus als "Lebenskreisläufe" oder der Titel der Ausstellungen "The eye is a lonely hunter". Oder was soll ich mit einem (Teil-)Satz wie: Das 4. Fotofestival ruft die Fotografie in den Zeugenstand und widmet sich ihrer Rolle als visuelle Ausdrucksform einer Conditio humana zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts: Das steht so auf der offiziellen Website, gleich auf der ersten Seite. Da verstehe ich gar nichts, das ist mir zu gedrechselt. Nun ja, in zwei Ausstellungen in Heidelberg war ich, einmal in der Sammlung Prinzhorn auf dem Psychiatrie-Gelände und noch im Heidelberger Kunstverein. Die Ausstellung in der Prinzhorn-Sammlung ist wahrhaft eine Depri-Sammlung. Roger Ballen hat die weisse Bevölkerung Süd-Afrikas porträtiert, die mit dem Ende der Apartheid alles verloren hatten. Zutiefst verstörte Menschen, kaum jemals zu einem Lächeln fähig. Sehr eindrücklich das Bild mit den erwachsenen eineiigen Zwillingen. Sie wirken debil, ihnen läuft der Sabber aus den Mündern. Das ruft auf jeden Fall Gefühle hervor und macht nachdenklich. Ganz anders die Ausstellung im Heidelberger Kunstverein. Mehrere Fotografen, sodass man sich auf jedes Bild neu einlassen muss. Die Bilder selbst auch von ihrer Aussage her eingängiger, gefälliger, schneller erfassbar. Das Schwulenpärchen etwa, salt and pepper noch dazu, wie sie nebeneinander im Bett liegen und sich über irgendwelche Dinge austauschen, zutiefst teilnehmend an dem, was der andere sagt. Die Aussage ist nur allzu klar. Oder das Bild des Neugeborenen, mit noch nicht entfernter Nabelschnur. Ganz klar, ein Höhepunkt im Leben. Die Leinwand-Videos dagegen regen mehr zum Nachdenken an. Eines ist über eine türkische Hochzeit. Wie die Leute feiern, tanzen, wie öffentlich ausgerufen wird, wer wieviel gespendet hat (erkleckliche Summen), wie mann/frau sich herausputzt beim Friseur und, und, und. Pures, ausgelassenes Leben. Im Eingangsbereich das andere Leinwand-Video. Finnischer Herkunft. Es geht um einen Leichenbestatter. Meine Freundin und ich sind dann raus, als es um einen Mitarbeiter namens Paavo ging, der frei hatte und dann nicht mehr zur Arbeit erschien. Wir wollten nicht mehr wissen, wie er gestorben ist. Das wirkte wie ein Krimi. Fotoausstellung PubertätMontag, 22. August 2011
Bis Ende August läuft in der Klinik St. Elisabeth das Forum und die Ausstellung von der Fotografin Gülay Keskin zum Thema Pubertät. Ausführliche Informationen gibt es unter den beiden Links. Das dort Gesagte wiederhole ich nicht nochmal.
Die Ausstellung ist im Park, geöffnet von 8.00-20.00 Uhr, jeden Tag. Für Forumsbeiträge (es gibt etliche Workshops zum Thema Pubertät) bitte in der Klinik unter der angegebenen Adresse fragen. Die Pubertät ist ein schwierige Zeit. Allgemein bekannt. Gülay Keskin hat das nun umgesetzt, in grossformatigen Paarfotos, ein Kind und ein Elternteil. Das Kind (oder der Erwachsene) hält ein Schild in der Hand. Oben die Aussage des Elternteils in Rückbesinnung auf seine Zeit damals, der untere Text ist die Vorschau des Kindes - oft die Eltern reflektierend - in die Zukunft. Der Sohn träumt von einem properen Klischeeleben, das es niemals geben wird. Gutbürgerlich. Der Vater blickt wehmütig auf seine Zeit als Jugendlicher zurück, eine Zeit, die er wohl nach Kräften ausgelebt hat (so manche männliche Jugendliche haben da ja so richtig ihre Sturm- und Drangzeit, nicht nur mit Komasaufen). Der Sohn ist voller Zuversicht und Vertrauen auf seine Mutter (Hand auf Bauch) und in seine Zukunft. Die Mutter sieht wehmütig, dass es heute doch viel mehr Möglichkeiten gibt. Die beiden sind sehr innig miteinander. Dieses Bild zeigt die Familienmitglieder nicht in Innigkeit, sondern in die Welt marschierend. Symptomatisch für den Vater die Rockerausstattung und die Aussage "Als ich so alt war wie Du, wollte ich unabhängig, frei und vor allem alleine sein, niemanden brauchen." Ähnlich der Freiheitsdrang der Tochter, die das Erwachsensein einfach geniessen will. Als gäbe es keine wie auch immer gearteten Katastrophen, Krisen, Verantwortlichkeiten, was auch immer. Noch ein paar mehr Bilder. Das rechte war wohl ein Akademikerhaushalt. Gülay Keskin hat die unterschiedlichsten Menschen porträtiert. Nachtrag am 31.08.: Ich habe noch oft an diese Ausstellung gedacht. Die Jugendlichen scheinen die Träume/(frühen) Lebenshaltungen ihrer Eltern verwirklichen zu wollen. Nun habe ich über Twitter einen Artikel im Tagesspiegel zu heutigen Rollenvorstellungen der Eltern gelesen. Da steht auf der dritten Seite: Nun ist die Erwachsenenwelt viel differenzierter, Frauen werden Ingenieurinnen oder Bundeskanzlerin. Dass Erwachsene Kindern dennoch eine rosa-blaue Eindeutigkeit verschreiben, wirkt eskapistisch. Darin spiegelt sich der Wunsch der Erwachsenen, aus dem eigenen, oft als Überforderung empfunden Alltag zu flüchten, in dem Frauen wie Männer gleichzeitig Job, Kinder und Beziehungen zu bewältigen haben. Das passt zu den Eltern-Kind-Paaren der Ausstellung. Der Vater etwa, der wehmütig auf seine wilde und ungebundene Jugend zurückblickt (und der Sohn dazu, der von einem Heile-Welt-Erwachsensein träumt). Ähnlich das "Rockerpärchen". Auch da wird die Realität ausgeräumt. 18. Verleihung des Clemens-Brentano-PreisesDienstag, 19. Juli 2011
Der Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg wurde dieses Jahr an Wolfgang Herrndorf verliehen. Am 19. Juli wurde er im Hilde-Domin-Saal stellvertrend an Kathrin Passig übergeben (der Autor war gesundheitlich verhindert), die die Laudatio hielt und anschliessend vorlas aus Tschick, dem Jugendroman, für den er geehrt wurde.
Am Nachdrücklichsten war mir die Lesung von Wolfgang Herrndorf selbst. Per Film (4:37 Minuten) war er dabei, aufgenommen bei einer Lesung im "Roten Salon" der Berliner Volksbühne. Wie er sich ständig bewegt! Hand in die Haare, am Bein gekratzt, zur Seite sich beugend, zum Wasserglas tastend, um die Hand dann wieder zurückzuziehen, ... Eine Show für sich. Er liest auch sehr gut, lebendiger, als Kathrin Passig das heute abend gemacht hat. Aber klar, es ist sein eigenes Buch, das liest sich wohl auch anders als ein fremdes. Das Buch selbst ist ein sehr lebendiges Werk. Dran am Puls des Lebens. So berechenbar und gleichzeitig so verrückt wie das Leben eben ist, wenn man es zulässt. (Ich halte Wolfgang Herrndorf für einen guten Beobachter.) So überraschend, wie Menschen sein können. Wie etwa der alte Herr, der den beiden Protagonisten erst eine Gewehrkugel in die Autoscheibe schiesst, aber dann die beiden in sein Haus einlädt und sich mit ihnen ganz gemütlich und locker unterhält. Ein lesenswertes Buch, beste und gehobene Unterhaltung. Nicht nur für Jugendliche, auch für Erwachsene. Der Hilde-Domin-Saal war gut besetzt. Kennst Du den?Sonntag, 22. Mai 2011
Im Mildner's macht Susanne Lencinas eine Fotoausstellung. Momentan hängen da lauter Männerporträts, die die Frauenporträts ablösen.
Die hängen (hingen) im Mildner's an der Wand. Interessant, wie sich die Porträtierten geben. Die Frauen durften sich verkleiden, die Männer zeigen "herbe Natur". Neugierig schaut man, während man seinen Kaffee geniesst, auf die Porträts. (Bzw. ich schaue gerade die Fotos auf der Website durch.) Ob man da jemanden kennt? Von Heidelberg heisst es doch immer, es sei ein Dorf. Ja, einer, mit einem echt herben Gesicht und Zopfmusterpulli, den erkenne ich als Stammgast des Mildners (neunter von rechts). Der dreizehnte von rechts, der mit der Krawatte, der könnte von einem unretuschierten Politikerplakat stammen (aber ich kenne ihn nicht). Der sechzehnte von rechts (der unrasierte mit der Glatze), der kommt mir bekannt vor. Woher? Aus dem Literaturcafé? Weiss nicht. Kenne zu viele Leute. Den 30sten von rechts, auf dem Hocker sitzend, den habe ich mal in einem mittlerweile schon längst gestorbenen Blogprojekt kennengelernt. Den trifft man immer mal wieder irgendwo in Heidelberg. Lustig das Porträt links neben seinem, der die Nummer hochhält. Ob das ein Historiker ist? Oder ein Polizeibeamter? Oder was? Wie kommt er auf diese Persiflage eines Gefangenenfotos? Das vierte von links, das sieht aus wie ein Mädchen. Das erinnert mich an Mati Gavriel. Der sieht auch so aus, wie ein Mädchen. Am Besten finde ich das erste, zumindest ist es das, das mich am meisten anspricht. Das mit dem Hund. Das sieht so richtig nach gelebtem Leben aus. Ob die Frauen besser ausschauen oder die Männer? Kann ich nicht sagen. Beides stammt aus dem Leben. Die Frauen offensichtlich mit Phantasie, weil die Porträts bunt sind und die Frauen sich verkleiden dürfen. Aber so mancher Mann ist nicht weniger phantasievoll, trotz schwarz-weiss und null Verkleidung. Mich sprechen beide Projekte an.
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